Freitag, 18. April 2014

Mutterbindung

Als meine Mutter mit 78 Jahren im Krankenhaus verstarb, berichtete der Pfleger, dass sie immer nach ihrer Mutter gerufen habe. Auch in meinem Beisein rief sie in ihrer Not nach ihr. Das verwunderte mich, da ich erwartet hatte, sie würde nach Gott oder Jesus Christus schreien. Schließlich war sie das, was man als eine "gläubige Frau" und "gute Christin" bezeichnete.
Von meinem Großvater musste ich mir immer wieder anhören: "Wenn Du noch hast ein Mütterlein..." , das dann wohl weiterging, "sollst du von Herzen dankbar sein.".( Der übrige Text, den wohl mein Großvater selbst verfasst hatte, ist mir nicht mehr in Erinnerung). Ich hatte den Eindruck, dass ihm seine längst, längst verstorbene Mutter immer noch wichtig war.
Auch er war ein entschiedener Christ, und wie meine Mutter Anhänger der Brüdergemeinde. Manch anderer Christ, da sich sein Leben anscheinend nur um Gott und die Bibel drehte, hängte ihm das Etikett "fanatisch" an.

Weshalb ich jetzt auf dieses Thema komme? - Weil A. sich jetzt immer wieder nach ihrer Mutter sehnt, von der sie nicht nur Gutes erfahren hatte und die A. erst vor ca. einem Jahr mir nichts, dir nichts durch Zwangsräumung aus der Wohnung warf.
Wie kommt es, dass eine Mutter auch im reifen Alter der Kinder noch so eine Rolle spielen kann?
Die Antwort ist relativ einfach. Das Baby erlebt, in der Regel, in der Mutter eine umfassende Geborgenheit! Die Geborgenheit ist deshalb umfassend, weil das Kind noch nicht die Schrecknisse der Welt kennt und nur elementare Bedürfnisse hat wie nach Wärme und Nahrung, die eben vollständig durch die Mutter gestillt werden.
Diese Geborgenheit, die das Kind mit der Mutter erlebte, ist eben tief in des Menschen Seele eingeprägt, und der Ruf nach der Mutter, die Sehnsucht nach der Mutter, ist immer der Wunsch nach Rückkehr, nach einem Wiedererleben dieser Geborgenheit.
Es gibt aber keine Rückkehr. Diese umfassende Geborgenheit muss nun durch etwas anderes kommen.
Durch etwas, das unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, Ruhe und Frieden stillt.
Das kann nun kein Mensch mehr leisten, sondern nur das Ewige vermag das.  Aber anscheinend vermochte die strenge Bibelgläubigkeit - die heute nur noch selten anzutreffen ist - selbst nach Jahrzehnten, eine vergleichbare Geborgenheit nicht erbringen.
Deshalb trifft man Menschen, die wirklichen Frieden haben, kaum an.



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